Becerrada – Töten ist nicht leicht

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copyright Luis Llorca

Javier Rada:

Töten ist nicht leicht. Das weiß der Schlächter, der Sheriff, der Kriegsverbrecher und der Fechter. Töten ist schwer. Das sagt der Sadist, der Ungeziefervernichter, der Fischer und der Jäger. Ganz einfach, weil so etwas Komplexes besondere Fähigkeiten und Wissen verlangt. Ob das wohl die Torero-Anwärter der „becerrada“ von San Lorenzo del Escorial (Madrid) am 3. August wussten? Weiß das wohl Michelito, der 10-jährige mexikanische Torero, der diese Woche in Frankreich Polemik ausgelöst hat?

Drei “becerros” (Stiere, die jünger als zwei Jahre sind) mussten das stümperhafte Töten am eigenen Leibe erfahren und zeigten diese Lektion mehr als hundert Personen. Das war der Satz, der auf den Zuschauerrängen am meisten wiederholt wurde. „Wenn es sogar den Toreros nicht gelingt sofort zu töten“, sagte eine ältere Dame. „Mal sehen, ob du es beim ersten Mal schaffst“, grölt ein Jugendlicher während er eine Literflasche Wein in den Händen hielt. Keiner der drei „matadores“ erfüllte die Erwartungen. Unter dem Publikum gab es viele Minderjährige, sogar Säuglinge. Und alles im Rhythmus von Pasodoble, Gelächter und Beifall.

Cipotín, der Künstlername von einem dieser Burschen, steht in der Arena. Die „bandarilleros“ Pollero und Carnicerito haben ihre Arbeit schon getan. Der „becerro“ blutet stark aus einer schlecht gestochenen Banderilla, die ihm zwischen den Rippen steckt. Bekleidet mit einer Jeans, beginnt Cipotín mit dem Stier zu kämpfen. Er hat diesen Platz bei einer Tombola für einen Euro gewonnen. Es nähert sich der schwierige Moment, diese Aktion, die uns als Menschen oder Delphine definiert: Töten aus Lust. Der erste Stoss mit dem Degen trifft auf einen Knochen. Beim zweiten Mal, ja, da dringt er in das Fleisch ein, aber der kleine Stier stirbt nicht. Nach fünfminütigem Todeskampf, bricht der „becerro“ zusammen. Er bewegt noch die Beine, wie eine Kakerlake, die Gift gefressen hat, als sie ihm den Nacken zerschneiden.

Die Umweltschützer sagen, dass diese Schauspiele illegal sind, da sie gegen die Vorschriften der Stierkampfregeln der Gemeinde Madrid verstoßen. Laut diesen ist es verboten, den Rindern jeglichen Schmerz während der Volksfeste mit Stieren (festejo taurino) zuzufügen. Von der Gemeinde wird aber eingewendet, dass die Stierkampfvorschriften aus dem Jahre 1995 die „becerradas“ nicht als Volksfest betrachtet werden, sondern als Stierkampf. Doch auch so, bestätigen sie, ändern sie die Vorschriften, um sie zu verschärfen. In der Stadtverwaltung von El Escorial verschanzen sie sich hinter dem Schutzschild, dass sie diese Veranstaltung nicht organisieren, sondern der Festausschuss der Burschen, Verheirateten und Witwer.

Das Privileg der Beschwerde

Hatte dieser “becerro” das Recht nicht zu leiden? „Im Verlauf der Geschichte hat die Justiz nur die menschlichen Tiere beschützt, also nur die, die fähig waren, sich zu beschweren und die Sinn für Gerechtigkeit hatten“, erklärt Pablo de Lora, Philosophielehrer der Rechtswissenschaften. Es handelt sich um Gerechtigkeit für den Menschen.

Der zweite Matador, El Pelu, weiß nicht recht, was er machen soll. Die Banderillas stecken je im Hals des Tieres und eine andere zwischen den Rippen. Der „becerro“ zum Zeichen der Aufgabe, senkt den Kopf. Der Torero trifft nicht. Er versetzt ihm verschiedene Degenstösse. Nichts. Der Degen bleibt zur Hälfte im Rücken stecken. Sie entscheiden, ihn zu töten. Das Publikum schreit: „ Er soll ihn töten! Nicht du, er soll es sich verdienen!“ Während sie noch zweifeln, leidet das Tier weiter. Sie versuchen, es mit einem Messer einen Gnadenstoß zu geben. Sie rammen es hinein, in den Nacken, nichts. Er widersetzt sich. Dickkopf! Mit einem Messerstoß töten sie das seltsame Leben derer, die auf Volksfesten sterben.

„Wir müssen uns fragen, was mit den moralischen Werten passiert“, fährt de Lora fort, „mit denen, die keinen Gerechtigkeitssinn haben, wie ein „becerro“ oder ein Kind, oder ein psychisch Kranker. Wenn wir ihnen unnötiges Leid zufügen verfallen wir in ein abscheuliches, moralisch verwerfliches Verhalten“.

Ein verwerfliches Verhalten vielleicht, aber unterstützt von Politikern. Die PP und die PSOE (Anmerkung: vergleichbar mit CDU und SPD) haben gerade im Bürgermeisteramt von Algemesí (Valencia) für die polemische Metzelei von „becerros“, die in diesem September stattfinden soll, gestimmt. Die Umweltschützer zeigen auch weiterhin die „becerradas“ von Vinuesa (Soria) an. Die drei haben gemeinsam, dass unerfahrene Leute Tiere abschlachten.

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